Philosophie-Serie · Teil 10 von 12
Cyberpunk: Digitale Unsterblichkeit und die Frage, wem deine Kopie gehört
Lange bevor jemand über KI-Avatare von Verstorbenen diskutierte, hat der Cyberpunk digitale Unsterblichkeit in allen Varianten durchgespielt. Seine Antworten sind unbequem. Teil 10 unserer Philosophie-Serie.
High Tech, Low Life
Cyberpunk entstand in den 1980er-Jahren als Spielart der Science-Fiction: hochentwickelte Technik in einer Welt, die von Konzernen beherrscht wird und in der der Einzelne wenig zählt. Eine Frage kehrt dabei immer wieder: Was passiert mit einem Menschen, wenn sich sein Geist speichern lässt?
Vier Geschichten, eine Frage
In William Gibsons „Neuromancer“ (1984) arbeitet der Held mit Dixie Flatline zusammen, einem verstorbenen Hacker, dessen Wissen und Persönlichkeit auf einem Speicherbaustein erhalten sind. Er ist nützlich, aber er ist eine Kopie, die nicht mehr wirklich weiterlebt. Am Ende bittet er darum, gelöscht zu werden.
In „Ghost in the Shell“ (Manga 1989, Film 1995) fragt sich eine Frau mit fast vollständig künstlichem Körper, was sie eigentlich noch ausmacht: der „Ghost“ oder die „Shell“?
In Richard Morgans Roman „Altered Carbon“ (2002, später als Serie verfilmt) wird das Bewusstsein in einem Speicher im Nacken gesichert und lässt sich in neue Körper übertragen. Wer reich genug ist, lebt Jahrhunderte.
Und im Spiel „Cyberpunk 2077“ (2020) bietet ein Megakonzern an, Seelen als digitale Abbilder zu „sichern“ – während der rebellische Johnny Silverhand als Kopie auf einem Chip im Kopf eines anderen weiterexistiert.
Die drei Warnungen
So verschieden die Geschichten sind, sie warnen vor denselben drei Dingen:
- Die Kopie ist nicht der Mensch. Sie bleibt stehen, während das Leben weitergeht.
- Wem der Speicher gehört, dem gehörst du. In fast allen Geschichten kontrollieren Konzerne, was von Menschen bleibt.
- Unsterblichkeit wird zum Privileg. Wer zahlen kann, bleibt.
Die Gegenwart holt auf
Heute gibt es bereits Dienste, die aus Nachrichten und Chatverläufen Verstorbener Chatbots bauen, die in ihrem Stil antworten. Doch ein solcher Bot errät nur, was jemand gesagt haben könnte.
Die logische Konsequenz
Bevor es Geist-Uploads gibt – falls es sie je geben wird –, ist das realistische digitale Erbe etwas viel Einfacheres: Worte, die ein Mensch tatsächlich selbst geschrieben hat. Keine Simulation, sondern das Original.
Und der Cyberpunk erinnert daran, worauf es dabei ankommt: Die Kontrolle muss bei dir liegen. Du solltest entscheiden, was gespeichert wird, wer es lesen darf und wann – nicht die Geschäftsbedingungen eines Konzerns.
Drei Fragen zum Weiterdenken
- Würdest du wollen, dass eine KI nach deinem Tod in deinem Namen spricht?
- Was unterscheidet dich von einer perfekten Kopie deiner Erinnerungen?
- Wem vertraust du genug, um ihm dein digitales Erbe anzuvertrauen?