Philosophie-Serie · Teil 8 von 12
Haruki Murakami: Wenn du dich an mich erinnerst
Haruki Murakami ist kein Philosoph im klassischen Sinn. Aber kaum ein Schriftsteller unserer Zeit hat so viel über Erinnerung, Verlust und das Weiterleben in anderen geschrieben. Teil 8 unserer Philosophie-Serie.
Der Tod als Teil des Lebens
Murakami wurde 1949 in Kyōto geboren und gehört zu den meistgelesenen Autoren der Gegenwart. In „Naokos Lächeln“ (im Original „Norwegian Wood“, 1987) verarbeitet der Erzähler den frühen Verlust eines Freundes. Er kommt zu einer Einsicht, die zu den bekanntesten Sätzen des Autors gehört: Der Tod ist nicht das Gegenteil des Lebens, sondern ein Teil davon.
Eine einzige Erinnerung genügt
In „Kafka am Strand“ (2002) sagt die Figur Miss Saeki zum jungen Kafka sinngemäß: Wenn du dich an mich erinnerst, ist es mir egal, ob alle anderen mich vergessen.
Darin steckt eine erstaunlich bescheidene Vorstellung vom Weiterleben. Es braucht kein Denkmal und kein Millionenpublikum. Ein einziger Mensch, der sich erinnert, genügt.
In Murakamis Romanen sind Erinnerungen oft wie Räume oder tiefe Brunnen, in die man hinabsteigt. Wer seine Erinnerungen verliert, verliert ein Stück von sich selbst.
Die eigene Grabinschrift
In seinem Buch über das Laufen, „Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede“ (2007), überlegt Murakami, was einmal auf seinem Grabstein stehen soll. Sein Vorschlag: Schriftsteller (und Läufer) – und dazu, dass er zumindest nie gegangen ist. Ein Mann, der seine eigene Zusammenfassung mit einem Augenzwinkern selbst formuliert, bevor es andere tun.
Weiterleben im Lesen
Für einen Schriftsteller ist das Weiterleben etwas ganz Konkretes: Jedes Mal, wenn jemand ein Buch aufschlägt, spricht eine Stimme wieder. Das gilt nicht nur für Romane. Es gilt für jeden Text, den ein Mensch in eigenen Worten hinterlässt – auch für den Brief an die Tochter oder die Antwort auf eine Frage, die man sich eines Abends gestellt hat.
Die logische Konsequenz
Murakami zeigt zwei Dinge. Man muss nicht für alle schreiben. Es reicht, für den einen Menschen zu schreiben, dessen Erinnerung zählt.
Und es lohnt sich, die eigene Zusammenfassung selbst zu versuchen, statt sie ganz anderen zu überlassen. Nicht als Kontrolle, sondern als Hinweis: So habe ich mich selbst gesehen.
Drei Fragen zum Weiterdenken
- Für welchen einen Menschen würdest du schreiben?
- Was würde auf deinem Grabstein stehen, wenn du ihn selbst formulieren dürftest?
- Welche Erinnerung würdest du niemals hergeben wollen?