Philosophie-Serie · Teil 7 von 12
I Ging: Das älteste Buch der Fragen
Es ist eines der ältesten Bücher der Welt, und man benutzt es, indem man ihm eine Frage stellt. Das I Ging, das „Buch der Wandlungen“, ist vielleicht das älteste Werkzeug der Selbstreflexion. Teil 7 unserer Philosophie-Serie.
64 Bilder der Veränderung
Die Wurzeln des I Ging reichen rund 3.000 Jahre zurück in die chinesische Zhou-Zeit. Sein Kern sind 64 Hexagramme, Zeichen aus sechs übereinanderliegenden Linien, die entweder durchgezogen oder unterbrochen sind. Jedes Hexagramm steht für eine Situation und ihren möglichen Wandel. Später kamen Kommentare hinzu, die die Tradition Konfuzius zuschreibt.
Eine Frage stellen
Wer das I Ging befragt, formuliert zuerst eine Frage. Dann ermittelt er durch das Werfen von Münzen oder das Teilen von Schafgarbenstängeln ein Hexagramm und liest den dazugehörigen Text. Viele Menschen nutzen es heute weniger als Orakel denn als Spiegel: Der Text regt an, die eigene Lage aus einer neuen Perspektive zu betrachten.
Das Entscheidende passiert vorher. Wer eine gute Frage stellen will, muss sich klar werden, was ihn eigentlich beschäftigt.
Wandel und das Bleibende
Nach einer alten Deutung hat das Schriftzeichen „Yi“ im Titel drei Bedeutungen: das Leichte, die Wandlung und das Unwandelbare. Darin steckt die Grundidee des Buches. Alles verändert sich, aber der Wandel folgt Mustern. Das Bleibende ist nicht das, was stillsteht, sondern die Form, in der sich etwas verändert.
Der Weg in den Westen
Gottfried Wilhelm Leibniz war fasziniert davon, dass sich die Hexagramme als binäre Zahlen lesen lassen – also mit dem System aus 0 und 1, auf dem heute jeder Computer beruht. Die deutsche Übersetzung von Richard Wilhelm aus dem Jahr 1924 machte das Buch im Westen bekannt; C. G. Jung schrieb das Vorwort zur englischen Ausgabe.
Die logische Konsequenz
Das I Ging lehrt, dass Reflexion mit einer Frage beginnt. Eine gute Frage öffnet, was man schon weiß, aber noch nie ausgesprochen hat.
Und es lehrt, wo man das Bleibende findet: nicht in einzelnen Momenten, sondern in den Mustern über lange Zeit. Wer über Jahre dieselben großen Fragen immer wieder beantwortet, sieht irgendwann das eigene Muster – das, was sich durch alle Veränderungen hindurch erhalten hat. Genau das ist es, was von einem Menschen bleibt.
Drei Fragen zum Weiterdenken
- Welche Frage beschäftigt dich gerade am meisten?
- Was hat sich in deinem Leben verändert, und was ist gleich geblieben?
- Welches Muster erkennst du, wenn du auf die letzten zehn Jahre schaust?