Philosophie-Serie · Teil 6 von 12
Das Tibetische Totenbuch: Worte für den Übergang
In Tibet liest man Sterbenden und Verstorbenen aus einem Buch vor, das ihnen den Weg weisen soll. Kaum ein Text hat den Westen so fasziniert. Teil 6 unserer Philosophie-Serie nähert sich ihm mit Respekt.
Befreiung durch Hören
Der tibetische Titel lautet „Bardo Thödol“, sinngemäß „Befreiung durch Hören im Zwischenzustand“. Der Überlieferung nach geht der Text auf den Meister Padmasambhava im 8. Jahrhundert zurück und wurde im 14. Jahrhundert von Karma Lingpa als verborgener „Schatztext“ wiederentdeckt.
Der „Bardo“ ist der Zwischenzustand zwischen Tod und neuer Geburt, traditionell mit einer Dauer von 49 Tagen verbunden. In dieser Zeit wird dem Verstorbenen vorgelesen. Die Worte sollen helfen, die Erscheinungen, die ihm begegnen, als Spiegelungen des eigenen Geistes zu erkennen – und nicht in Angst zu geraten.
Der Weg in den Westen
1927 erschien eine englische Ausgabe unter dem Titel „The Tibetan Book of the Dead“, herausgegeben von Walter Evans-Wentz. C. G. Jung schrieb einen psychologischen Kommentar dazu und bekannte, das Buch habe ihn über Jahre begleitet. Seitdem hat der Text Psychologie, Literatur und Sterbebegleitung im Westen beeinflusst.
Ein Buch für die Lebenden
So sehr es um den Tod geht: Im tibetischen Buddhismus ist das Totenbuch auch ein Buch für die Lebenden. Wer sich im Leben mit seinem Geist vertraut macht, so die Idee, ist im Übergang nicht verloren. Das Sterben wird im Leben geübt. Der Begriff „Bardo“ wird in manchen Lehren sogar auf jede Übergangsphase angewendet – auch auf das Leben selbst zwischen Geburt und Tod.
Eines sollte man dabei nicht vergessen: Das Totenbuch ist ein religiöser Text mit einer eigenen, tiefen Tradition und kein Ratgeber. Man kann von ihm lernen, ohne ihn zu vereinnahmen.
Die logische Konsequenz
Das Totenbuch zeigt zwei Dinge, die über jede Religion hinaus gelten.
Erstens: Worte können Menschen in schweren Übergängen begleiten. Die Stimme eines vertrauten Menschen, der vorliest, ist Trost. Was du heute aufschreibst, kann einmal genau so wirken – für die, die dich verlieren.
Zweitens: Vorbereitung geschieht im Leben, nicht am Ende. Wer sich regelmäßig mit dem eigenen Inneren beschäftigt, geht anders durch Übergänge. Und hinterlässt anderen etwas, das sie durch ihre tragen kann.
Drei Fragen zum Weiterdenken
- Welche Worte würden dir in einem schweren Übergang Halt geben?
- Welcher Übergang in deinem Leben hat dich am meisten verändert?
- Was möchtest du den Menschen sagen, die dich einmal verlieren werden?