Philosophie-Serie · Teil 1 von 12
David Deutsch: Tiefe gewinnt – nur noch nicht beim Wissen über uns selbst
Der Physiker David Deutsch sagt, unser Wissen werde nicht nur breiter, sondern vor allem tiefer. Beim Wissen über einzelne Menschen passiert bisher das Gegenteil. Teil 1 unserer Philosophie-Serie fragt, warum – und was wir heute schon dagegen tun können.
Breiter und tiefer
David Deutsch lehrt in Oxford und gilt als einer der Väter des Quantencomputers. In seinem Buch „The Fabric of Reality“ (1997) beschreibt er, wie Wissen wächst. Wissen besteht für ihn vor allem aus Erklärungen, nicht aus Fakten – Fakten kann man nachschlagen. Mit jeder besseren Theorie wird unser Wissen breiter, weil neue Gebiete entstehen, und tiefer, weil grundlegende Theorien immer mehr erklären. Sein Fazit fasst er in drei Wörter: „Depth is winning“ – die Tiefe gewinnt.
Beim Menschen gewinnt die Breite
Überträgt man diesen Gedanken auf das, was die Menschheit über einzelne Menschen weiß, sieht es anders aus.
Nach Schätzungen des Population Reference Bureau wurden bisher rund 117 Milliarden Menschen geboren. Heute leben etwa 8 Milliarden, also knapp 7 Prozent davon. Mit jeder Generation kommen mehr Namen, mehr Fotos, mehr Datenpunkte dazu. Das Wissen über Menschen wird also immer breiter.
Aber es wird nicht tiefer. Warum jemand so entschieden hat, was er geglaubt, befürchtet und gelernt hat – diese Erklärungen verschwinden mit fast jedem Tod. Von den rund 109 Milliarden Menschen vor uns wissen wir, dass sie gelebt haben. Warum sie so gelebt haben, wissen wir fast nie. Die meisten von uns kennen nicht einmal das Innenleben ihrer Großeltern.
In Deutschs Sprache: Wir sammeln Fakten über Menschen, aber wir verlieren ihre Erklärungen.
Wissen braucht keinen Wissenden
Deutsch hat eine bemerkenswerte Definition von Wissen. In „The Beginning of Infinity“ (2011) beschreibt er es als Information, die – einmal physisch in einer geeigneten Umgebung verkörpert – dazu neigt, sich selbst zu erhalten. Im Anschluss an den Philosophen Karl Popper betont er: Wissen braucht keinen, der es gerade weiß. Ein Buch enthält Wissen, auch wenn es niemand liest.
Daraus folgt etwas sehr Konkretes. Was ein Mensch verstanden hat, kann ihn überleben – aber nur, wenn es irgendwo verkörpert ist. Gedanken, die nur im Kopf existieren, enden mit ihm. Aufgeschriebene Erklärungen können bleiben, gelesen, hinterfragt und weitergedacht werden.
Probleme sind lösbar – auch das Vergessen
„The Beginning of Infinity“ trägt eine optimistische Botschaft: Probleme sind unvermeidlich, aber sie sind lösbar. Die Menschheit steht nicht am Ende, sondern am Anfang. Gegen Ende des Buches schreibt Deutsch sinngemäß sogar, Krankheit und Alter würden innerhalb der nächsten Lebensspannen geheilt, und Technik könne Sicherungskopien des Zustands von Gehirnen anlegen.
Ob und wann das gelingt, ist offen, und viele Fachleute sind deutlich skeptischer. Doch in Deutschs Logik ist das Vergessen von Menschen genau das: ein Problem. Und Probleme sind lösbar.
Die Übergangszeit
Große Fortschritte haben fast immer eine Übergangszeit, in der Menschen von Hand tun, was später automatisch geschieht. Und oft wird diese Handarbeit zum Fundament.
Von Johann Sebastian Bach gibt es keine einzige Tonaufnahme, die Technik dafür kam erst mehr als hundert Jahre nach seinem Tod. Trotzdem kennen wir seine Musik, weil sie in Noten aufgeschrieben wurde. Die Notenschrift war das Werkzeug der Übergangszeit – und so gut, dass Musik Jahrhunderte überdauerte, bis Aufnahmen möglich wurden. Überflüssig geworden ist sie nie: Orchester spielen bis heute aus der Partitur.
Beim Bewahren von Menschen stehen wir an einem ähnlichen Punkt. Selbst wenn eines Tages Sicherungskopien des Bewusstseins möglich werden, helfen sie niemandem, der vorher gelebt hat. Bis dahin muss jeder selbst festhalten, was bleiben soll.
Perrenix: ein Werkzeug für die Tiefe, das heute funktioniert
Genau hier setzt Perrenix an. Nicht als Konzept für die Zukunft, sondern als Werkzeug, das jetzt funktioniert. Jeden Tag beantwortest du eine Frage in deinen eigenen Worten. Über Monate und Jahre entsteht so kein Lebenslauf und keine Fotosammlung, sondern das, was sonst verloren geht: deine Erklärungen. Warum du entschieden hast, was du glaubst, was du gelernt hast. Und du bestimmst, wer das wann lesen darf.
Das ist die Notenschrift für ein Leben. Wie künftige Technik solche Aufzeichnungen einmal nutzen kann, weiß heute niemand. Sicher ist nur zweierlei: Keine Technik kann zurückholen, was nie festgehalten wurde. Und jede Form des Bewahrens, die noch kommt, wird auf genau das angewiesen sein, was du heute anlegen kannst: ein tiefes, über Jahre gewachsenes Zeugnis deiner eigenen Gedanken.
Die logische Konsequenz
Tiefe entsteht nur von innen. Fakten über dich können andere sammeln. Deine Erklärungen kannst nur du aufschreiben.
Wir sind früh. Wir sind die erste Generation, in der jeder Mensch mit wenig Aufwand ein tiefes Zeugnis seiner selbst anlegen kann.
Die Übergangszeit ist jetzt. Wer auf die perfekte Technik wartet, verliert die Jahre, in denen er hätte festhalten können, was ihn ausmacht.
Drei Fragen zum Weiterdenken
- Welche Entscheidung in deinem Leben könnte später niemand erklären außer dir?
- Was weißt du über das Innenleben deiner Großeltern – und was nicht?
- Welche Erklärung über dich sollte in hundert Jahren noch existieren?
Quellen
- David Deutsch: „The Fabric of Reality“ (1997)
- David Deutsch: „The Beginning of Infinity“ (2011)
- Population Reference Bureau: „How Many People Have Ever Lived on Earth?“ (2022)