Philosophie-Serie · Teil 2 von 12
Stoizismus: Memento mori als tägliche Übung
„Bedenke, dass du sterblich bist.“ Für die Stoiker war das keine düstere Mahnung, sondern ein Werkzeug für ein besseres Leben. Teil 2 unserer Philosophie-Serie.
Eine Philosophie für den Alltag
Die Stoa entstand um 300 v. Chr. in Athen. Ihr Gründer Zenon von Kition lehrte in einer bemalten Säulenhalle, der „Stoa poikile“, die der Schule ihren Namen gab. Berühmt wurden vor allem die römischen Stoiker: Seneca, der Philosoph und Politiker, Epiktet, der als Sklave geboren wurde, und Kaiser Marc Aurel.
Ihnen ging es weniger um Theorie als um Praxis: Wie lebe ich gut, gelassen und gerecht?
Was in unserer Macht steht
Epiktet beginnt sein Handbüchlein mit einer Unterscheidung, die bis heute Millionen Menschen hilft. Manches liegt in unserer Macht: unsere Urteile, unsere Absichten, unser Handeln. Anderes nicht: unser Körper, unser Besitz, unser Ruf.
Überträgt man das auf die Frage, was von uns bleibt, wird es interessant. Wie man sich an dich erinnert, liegt nicht in deiner Macht. Was du denkst, tust und aufschreibst, schon.
Die Abendbilanz
Seneca beschreibt eine Übung, die er von dem Philosophen Sextius übernommen hatte. Jeden Abend, wenn es still geworden war, prüfte er seinen Tag: Welche schlechte Gewohnheit habe ich heute geheilt? Welchem Fehler habe ich widerstanden? Worin bin ich besser geworden?
Auch Marc Aurels „Selbstbetrachtungen“ sind nichts anderes als solche Notizen an sich selbst. Man kann es so sagen: Die Stoiker waren Tagebuchschreiber.
Memento mori
Der Gedanke an den Tod war für sie der Hintergrund dieser Übungen. Wer sich bewusst macht, dass die Zeit begrenzt ist, verschiebt weniger auf morgen, streitet weniger über Nebensachen und sagt eher, was gesagt werden muss.
Die logische Konsequenz
Das stoische Erbe ist nicht der Ruf, sondern der Charakter. Und Charakter entsteht durch tägliche Übung. Die Abendbilanz ist deshalb die stoische Antwort auf die Frage, was bleibt: Sie macht dich jeden Tag ein wenig mehr zu dem Menschen, der du sein willst. Und nebenbei entsteht ein Protokoll eines bewusst geführten Lebens – das Einzige, was du über dein Andenken wirklich selbst in der Hand hast.
Drei Fragen zum Weiterdenken
- Worin bist du heute ein wenig besser geworden?
- Worüber ärgerst du dich, obwohl es gar nicht in deiner Macht steht?
- Was würdest du anders machen, wenn du dir jeden Morgen deine Sterblichkeit bewusst machen würdest?