Philosophie-Serie · Teil 4 von 12
Taoismus: Wer stirbt, ohne zu vergehen
Die Suche nach Unsterblichkeit ist keine Erfindung des Silicon Valley. Im alten China war sie Staatsangelegenheit. Und die taoistischen Denker gaben darauf zwei sehr unterschiedliche Antworten. Teil 4 unserer Philosophie-Serie.
Das Elixier der Kaiser
Der erste Kaiser Chinas, Qin Shi Huang, ließ im 3. Jahrhundert v. Chr. nach einem Elixier des ewigen Lebens suchen und schickte Expeditionen bis ans Meer. Gefunden wurde es nicht. In späteren Jahrhunderten starben mehrere Kaiser vermutlich an Elixieren, die sie unsterblich machen sollten und die unter anderem Quecksilber enthielten.
Auch im religiösen Taoismus gab es die Vorstellung der „Unsterblichen“, Menschen, die durch Übungen, Alchemie und Lebensführung den Tod überwunden haben sollten. Der Wunsch, den Körper zu bewahren, ist also sehr alt.
Zhuangzi singt
Ganz anders klingt der Philosoph Zhuangzi. Als seine Frau starb, fand ihn ein Freund, wie er auf einer Schale trommelte und sang. Der Freund war empört. Zhuangzi erklärte: Zuerst habe er getrauert wie jeder andere. Dann habe er verstanden, dass seine Frau nur in den großen Wandel zurückgekehrt sei, so wie auf den Frühling der Sommer folgt. Sie ruhe nun im großen Haus der Welt.
Wer stirbt, ohne zu vergehen
Im „Daodejing“, dem Grundtext des Taoismus, steht im 33. Kapitel ein kurzer, rätselhafter Satz: Wer stirbt, ohne zu vergehen, hat ein langes Leben.
Die Deutungen gehen auseinander. Eine verbreitete Lesart: Es geht nicht um den Körper, sondern um das, was weiterwirkt. Wie Wasser, das weich ist und trotzdem den Stein formt, wirkt ein Mensch durch das weiter, was er in Bewegung gesetzt hat.
Die logische Konsequenz
Der Taoismus zeigt zwei Wege. Der eine will die Dauer erzwingen, mit Elixieren und Kontrolle. Der andere lässt fließen: Er vertraut darauf, dass weiterwirkt, was lebendig war.
Für das, was von uns bleibt, heißt das: nicht festklammern, sondern weitergeben. Schreib auf, was dich bewegt hat, und lass es zu anderen fließen. Nicht als Denkmal, sondern wie Wasser, das weiterläuft.
Drei Fragen zum Weiterdenken
- Was hast du in Bewegung gesetzt, das ohne dich weiterläuft?
- Woran klammerst du dich, obwohl Loslassen leichter wäre?
- Was von dir soll fließen, statt stehen zu bleiben?